• Karl Obermann

Wichtige Rohstoffalternative: Kautschuk aus Russischem Löwenzahn

Mit Russischem Löwenzahn die Mobilität sichern und den Regenwald schützen ist das Ziel dieser Initiative. Die Projektträger PtJ und FNR stellten auf der Woche der Umwelt die Entwicklung einer wichtigen Rohstoffalternative vor.


Das Bild zeigt eine Wurzel des Russischen Löwenzahns. Quelle: JKI/Peter Wehling
Das Bild zeigt eine Wurzel des Russischen Löwenzahns. Quelle: JKI/Peter Wehling

Kennen Sie schon den Russischen Löwenzahn? Noch nicht? Auf der digitalen Woche der Umwelt 2021, konnte man dies nachholen! Es gab Informationen darüber, wie eine Wild- zur Industriepflanze entwickelt wird, um den wichtigen Rohstoff Naturkautschuk zu gewinnen. Zwei Projektträger des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) und des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) präsentierten dieses spannende Thema gemeinsam: Der Projektträger Jülich (PtJ) und die Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe (FNR) traten als Aussteller auf.


Egal, ob Fahrrad, Motorrad, Auto, Bus, LKW oder Traktor – um mobil zu sein, brauchen diese Fahrzeuge Reifen. Und für Reifen braucht man Naturkautschuk. Denn die Kopie – synthetischer Kautschuk aus Erdöl – kommt an die exzellenten Eigenschaften des natürlichen Vorbildes nicht heran.


Nur in den Tropen?

Darum enthält z. B. ein handelsüblicher LKW-Reifen bis zu 25 kg Naturkautschuk. Bislang wird die Nachfrage nach dem Naturstoff ausschließlich durch den Kautschukbaum Hevea brasiliensis gedeckt, der nur in den Tropen wächst. Somit hängt ein wichtiges Element der Mobilität, wie wir sie heute kennen, weltweit von einer einzigen Pflanze ab.


Beispiel einer Anbaufläche für den Russischen Löwenzahn. Quelle: JKI/Peter Wehling
Beispiel einer Anbaufläche für den Russischen Löwenzahn. Quelle: JKI/Peter Wehling

Nur sehr wenige andere Gewächse produzieren Kautschuk in vergleichbarer Qualität. Russischer Löwenzahn (Taraxacum koksaghyz) zählt dazu. Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde mit ihm experimentiert, in der Praxis durchgesetzt hat er sich bislang nicht. Dabei hätte er als Industriepflanze einige Vorteile:

  • Regenwaldschutz in den klassischen Anbauländern des Kautschukbaums, wie Indonesien, Malaysia oder Thailand.

  • Bereicherung von Fruchtfolgen bei uns: Russischer Löwenzahn wächst in unseren Breiten. Von den typischen Ackerkulturen in Europa ist er nur mit der Sonnenblume näher verwandt.


Mehr Unabhängigkeit und Versorgungssicherheit

Die Reifenindustrie, aber auch die gesamte Wirtschaft, die ohne Mobilität und Transporte nicht funktioniert, wären weniger abhängig und verwundbar. Tatsächlich ist Hevea brasilensis ein unsicherer Kandidat. In seinem Ursprungsland Brasilien – das Land war einst Weltmarktführer bei der Naturkautschukproduktion – ist der Baum aufgrund eines verbreiteten Schadpilzes fast nicht mehr in Plantagen anbaubar.


Seit gut zehn Jahren gibt es nun wieder Bemühungen, Russischen Löwenzahn als reelle Rohstoff-Alternative zu etablieren. Der Reifenhersteller Continental und Partner aus Agrarwissenschaft, Züchtung, Bioinformatik, Biotechnologie, Gartenbau, Landmaschinenbau und Polymerherstellung entwickeln die pflanzliche Basis und das Anbau- und Extraktionsverfahren. Dabei haben sie schon einige Meilensteine erreicht: In Anklam in Mecklenburg-Vorpommern nahm Continental 2018 sein „Taraxagum Lab“ in Betrieb. Der Reifenproduzent investiert dort 35 Mio. Euro in die Erforschung der Pflanze.


Anbau in einem Gewächshaus und damit wetterunabhängig. Quelle:ESKUSA
Anbau in einem Gewächshaus und damit wetterunabhängig. Quelle:ESKUSA

Im Erfolgsfall soll die Verwandte unserer „Pusteblume“ binnen zehn Jahren in der Serienproduktion zum Einsatz kommen. Eine erste Fahrradreifen-Kleinserie wurde bereits vorgestellt. Auch die Züchter im Projektteam können Erfolge vorweisen: Sie haben den Kautschukgehalt im Vergleich zur Wildpflanze bereits verdreifacht. Im aktuell laufenden Projekt TAKOWIND III wird die Züchtung fortgesetzt, um Kautschukgehalt und Flächenertrag weiter zu erhöhen.


Von den Ergebnissen profitiert nicht nur die Reifenindustrie, die etwa 70 Prozent der weltweiten Naturkautschukproduktion nachfragt. Die restlichen 30 Prozent werden zu verschiedensten Artikeln verarbeitet, zum Beispiel zu medizinischen Produkten, Matratzen oder Gummistiefeln.


Unterstützung durch den Bund

Von Beginn an hat der Bund die Arbeiten bei diesem Zukunftsthema unterstützt. PtJ als Projektträger des BMBF und die FNR als Projektträger des BMEL haben insgesamt acht Vorhaben zur Entwicklung der Wertschöpfungskette betreut. Das BMBF förderte Projekte, die von der Grundlagenforschung (z. B. Sequenzierung, Innovative Züchtung) bis zur vorwettbewerblichen, anwendungsorientierten Forschung reichten. Das BMEL fördert vorrangig praxisrelevante Forschung zu verschiedenen Züchtungs- und Anbauaspekten von Kaukasischem Löwenzahn. Ein besonderer Fokus beider Projektträger liegt auf sich ergänzenden, integrierten, ganzheitlichen Lösungswegen, die die gesamte Wertschöpfungs- bzw. Prozesskette in den Blick nehmen.

Na dann, gib Gummi!


www.fnr.de


Nicole Paul/Karl Obermann


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