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  • AutorenbildKarl Obermann

Antworten vom Profi – Engineering ist eine komplexe Sache

Aktualisiert: 16. Nov. 2023

Was sagt ein großer CAx-Anbieter zur aktuellen Situation? Wie geht es auf den wichtigen Feldern weiter? Sicher kann nicht alles auf einmal in die Praxis eingeführt werden. Eine gewisse Richtschnur aber kann nicht schaden. Um eine solche zu geben, stand Peter Scheller von Siemens für dieses Interview zur Verfügung.

Der Entwurf und die Simulationvon Highend-Yachten, sind in der letzten Zeit zu einer Domäne von CAX-Software geworden. Alle Bildquellen: Siemens
Der Entwurf und die Simulationvon Highend-Yachten, sind in der letzten Zeit zu einer Domäne von CAX-Software geworden. Alle Bildquellen: Siemens

Herr Scheller, fangen wir heute mit dem Thema System Design an. Es steht oder sollte zumindest am Anfang jeder Entwicklung stehen. Wie sieht es damit bei Siemens aus?

Scheller: Es gibt verschiedene Möglichkeiten System Design zu betreiben. Man kann allgemein eine elektromechanische Betrachtung vornehmen, oder man nimmt eine Gesamtbeschreibung für ein Produkt vor, z. B. ein Automobil. Hierzu bieten wir eine Architektur an, die die Anforderungen auf die verschiedenen Disziplinen verteilt und dort beständig die Leistungsparameter (z.B. Motorleistung) gegen die jeweiligen detaillierten Lösungsmodelle (z.B. CAD und CAE Modelle) in der jeweiligen Disziplin verifiziert.


Na gut, im Maschinenbau brauche ich die 3 Ebenen, Mechanik, Elektrik und Software. Diese drei brauche ich auf jeden Fall. Und die kann ich auch beschreiben nach allem was man schon gesehen hat.

Ja, hier gibt es in der Tat einiges an geeigneten Tools. Wir selbst haben ein Tool im Teamcenter Umfeld, wir haben aber auch eine starke Partnerschaft mit IBM geschlossen. Ein Tool, welches die Systeme als Layouts und sofort auch die Funktionalität als Mathematik abbilden lässt.


Wo liegen die Knackpunkte?

Wir sehen die Knackpunkte am ehesten bei den Anwenderunternehmen selbst. Die wollen zwar in ein System Design einsteigen, haben auf der anderen Seite aber die klassischen Abteilungen, Konstruktion Mechanik, Konstruktion, Elektrotechnik, Arbeitsvorbereitung und Produktion. Die sind es nicht gewöhnt, eine horizontale Automatisierung durchzuziehen. Diejenigen, die das doch schaffen, werden in meinen Augen die Gewinner sein.


Wer heute noch einmal neu anfängt, oder ein Redesign macht, sollte es nicht ohne ein Systemdesign tun.

Absolut. Ein gutes Beispiel dafür ist der Umstieg von einem Auto mit Verbrennungsmotor auf ein Elektroauto.


Ein weiteres Thema, welches immer wichtiger wird, ist Nachhaltigkeit, (Sustainability). Sehen Sie das auch so?

Ja, auf jeden Fall. Das Nachhaltigkeitsthema wird heute bei jedem neuen Design mitgedacht. Wenn man es aber tut, muss man es vorne in der Entwicklung tun. Jeder Konstrukteur weiß ja, dass er rund 80% der Kosten eines Produkts ganz vorne festlegt.

Die neue Funktion zur Analyse der Nachhaltigkeitsauswirkungen in NX rückt die Bewertung der Umweltauswirkungen in den Mittelpunkt des Entwicklungsworkflows eines Produkts. NX liefert als erste Produktentwicklungslösung auf dem Markt EN 15804 konforme Nachhaltigkeitszahlen.

Dazu gehören Materialbibliotheken mit zertifizierten Materialien, die wir im Teamcenter finden. Mit diesen Werten reichern wir die „normalen“ Materialwerte an und erhalten so ein Gesamtbild des späteren Teileverhaltens.


Wir fragen uns, ob ein Konstrukteur, der alle diese Dinge berücksichtigen soll, überhaupt noch zum Konstruieren kommt?

Ja, das ist ein Thema in der Praxis, der immer größere Zeitverbrauch für die Informationsbeschaffung. Wir müssen halt sehen, von der Tool-Seite her, den Konstrukteur anderweitig zu entlasten.

Am besten können wir Konstrukteure durch die Konfigurationstechnik entlasten. Schon bei der reinen Konstruktion entstehen hohe Einsparungen, aber auch bei einer Vielzahl der Themen im Umfeld, z. B. beim Angebote schreiben, bei Langzeitspeicherung von Zeichnungen in den richtigen Formaten, bei bestimmten Schnittstellen-Fragen. Konfiguration ist ein vielfältiger Zeitsparer.

Bei Siemens wird diesem Thema auch eine hohe Bedeutung beigemessen. Wir haben die Software Rulestream, die es erlaubt, Konfiguratoren über alle Systeme hinweg aufzubauen. Da kann ich die Konstruktionsintelligenz einbringen und alles andere, was an Informationen gebraucht wird, holt sich der Konfigurator aus verschiedenen Quellen selbst. Natürlich spielt dabei auch Teamcenter eine Rolle, Stichwort Stücklisten.


Herr Scheller, Teamcenter versus Plattform, oder gibt es dieses „versus“ gar nicht?

Da muss ich erst einmal zurückfragen: Was ist für Sie eine Plattform?


Eine Software-Plattform ist ein zentraler Mechanismus, so heißt es, auf dem verschiedenste Software-Pakete auf gleiche Art und Weise gespeichert werden können und die Schnittstellen für die Kopplungen schon vorhanden sind. Ferner kann über die Plattform die Kommunikation nach innen und außen realisiert werden.

Nach dieser Definition bieten wir von Siemens die Siemens Xcelerator Plattform an, in die verschiedene und offene Lösungsebenen integriert sind. Diese stellt das Gerüst dar, wie die verschiedenen Lösungen vom Anwender bedient werden, wie diese Zusammenarbeiten und auf welchen zukunftssicheren Datenstandards aufgesetzt wird. Zum einen definieren wir die umfassenden Digitalen Zwilling mit unserer NX Entwicklungsplattform und die notwendige Datenvernetzung und Prozess- und Daten- Sicherheit, realisieren wir über unsere PLM Plattform Teamcenter. Der Kunde kann mit uns die Bausteine wählen, um seine durchgängige Digitalisierungs-Strategie für sein Entwicklung und Produktion umzusetzen. Viele Nutzer werden feststellen, dass nur die großen Cloudanbieter die nötige Datensicherheit bieten können. Das ist jedenfalls meine persönliche Meinung. Viele Unternehmen in der Industrie sind in den letzten Jahren gehackt worden. Das wird nicht immer so publik, findet aber statt. Nun können die zwar ihr IT-Personal stark erhöhen, werden aber feststellen, dass sie ohne Hilfe von außen nicht mehr weiter kommen.

Natürlich bleibt die Kernkompetenz der Fertigungsunternehmen, Produkte zu entwickeln und zu fertigen, aber ohne intelligente Datenebene können die nichts mehr machen.

Und da sind wir gut aufgestellt, weil wir die CAx-Ebene mitbringen und die Datenebene unten drunter über Amazon oder andere große Datenhoster mit einbinden können.


NX ist eines der Umfangreichsten und anspruchsvollsten CAD/CAM/PLM-Systeme.
NX ist eines der Umfangreichsten und anspruchsvollsten CAD/CAM/PLM-Systeme.

Ein großer Vorteil soll ja auch sein, dass eine Kollaboration sehr viel leichter stattfinden kann. Alle Mechanismen sind in der Plattform schon vorhanden.

Ja, so ist es. Tatsache ist, dass immer mehr große Datenpools entstehen und das wird sich durch riesige Simulationsdatenspeicher noch verstärken. Die Welt der Simulation verändert sich gerade schnell. Man arbeitet mit Simulationsvarianten. Das gleiche Modell wird immer wieder durchgerechnet. Und mit Methoden der Statistik wird dann der beste Mittelwert bestimmt. Für den Anwender eine recht einfache Sache, deren Ergebnisse in den weiteren Stufen auch weiter benutzt werden kann.


Außerdem geht man heute schon so weit, dass man auch eine Multilevel-Simulation anwendet, also man simuliert das gleiche Bauteil auf der Ebene der Moleküle, der Makros und eben auf der äußeren Ebene.

Ja, das stimmt. Ein Beispiel für unsere Offenheit und die Leistungsfähigkeit unserer Produkte, spiegelt sich in der Zusammenarbeit mit der Firma Synera wider. Diese setzen unseren Modellierkern Parasolid ein, um die von Ihnen gewonnen Erkenntnis aus der Meeresforschung, in formgebende Algorithmen für den bionischen Leichtbau einzubringen. Sie benutzen Strukturen von Muscheln aus der Tiefe, um die Haltbarkeit auf ganz andere Bereiche zu übertragen.

Insgesamt möchte ich behaupten, dass wir bei Siemens bezüglich Simulation schon sehr gut aufgestellt sind, inklusive der Tools, die durch den Ankauf von CD-adapco und LMS zu uns gekommen sind. Gerade CD-Adapco ist ein gutes Beispiel, weil deren Software in der letzten Zeit Furore gemacht hat, indem sie bei Prada/Luna Rosso angewendet wird, um ein optimales Americas-Cup-Boot zu bauen.


Peter Scheller: PreSales Account Development, Product Engineering Software
Peter Scheller: PreSales Account Development, Product Engineering Software

Das kann uns in der Industrie eigentlich wurscht sein, aber so ist es nicht. Die hier angewendeten Simulationsmethoden bringen auch und gerade in der Industrie Wettbewerbsvorteile. Herr Scheller, herzlichen Dank für das Gespräch.

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